nacht

By pimeau

Nacht, wenn man die Zeit vergisst, wenn man durch die Straßen läuft und nicht darüber nachdenkt, was man am nächsten Morgen zu tun hat, nicht darüber nachdenkt, wie man nach Hause kommt. Man ist absorbiert von diesem wahnsinnig geilen Gespräch, was man gerade führt… Ich sehe mich durch die Invalidenstraße laufen, neben dem Straßenbahngleis, zwischen Straßenbahngleis und der Bordsteinkante. Alles ist dunkel und bläulich, dunkelblau, es sind keine Leute auf der Straße, ich laufe am Pappelplatz vorbei, dort, wo ich mal gewohnt habe, wo mal die Schule stand, die sie abgerissen haben. Dort, wo jetzt das Bergstübl ist, was vorher woanders war und es erschiene mir surreal, wenn ich nicht wüsste, dass es tatsächlich wahr ist. Eines Tages lief ich die Invalidenstraße lang und sie hatten das Bergstübl umziehen lassen, sie haben es genau dorthin umziehen lassen, wo ich vorher gewohnt habe, nicht sehr weit weg von dort, wo es vorher war, in der Veteranenstraße am Weinbergspark, aber ein Stück weiter nach Westen, ein Stück in die Richtung, wo ich jetzt wohne, vielleicht wandert es irgendwann bis nach Moabit.

Ich also in dieser dunkelblauen Nacht in der Invalidenstraße zwischen den Straßenbahngleisen und der Bordsteinkante, mir ist die Relevanz des Straßenbahngleises noch nicht ganz klar. Es fühlt sich an, als wäre es ein Wochentag, die Straßenbahn fährt sicherlich schon gar nicht mehr. Ich bin dort allein, aber ich weiß, da ist jemand mit mir. Vielleicht auf dem Bürgersteig. Ich fühle mich nicht reden, aber fühle mich nicht stumm, fühle mich ausgefüllt mit eben jenem geilen Gespräch, was alle Sinne zum Klingen bringt, was mir das Gefühl gibt, nicht allein auf der Welt zu sein, was mir das Gefühl gibt, dass es jemanden gibt, dessen Gehirn so schwingt wie meins. Und man braucht eigentlich keine Worte. So wie zwei Fische im Wasser, die sich gegenüberstehen. Stehen sie im Wasser? Sie bewegen sich nicht, sie hängen so da im Wasser, es ist auch dunkel, aber sie glänzen. In meinem Bild sind es gelbe Fische mit blauen Streifen, die man trotz der Dunkelheit sieht. Und sie hängen sich so gegenüber und glotzen sich an mit ihren fischigen Glotzaugen und können nichts sagen, weil sie nicht sprechen können und weil man es unter Wasser ohnehin nicht verstehen würde. Sie glotzen sich an, dem einen entweicht vielleicht eine Luftblase aus dem Maul, der andere weiß genau, was gemeint ist. Sie verstehen sich ohne Worte, so ist das auch in dieser dunkelblauen Nacht. Und wir müssen uns nicht einmal angucken, wir laufen dort entlang. Es ist nicht zu kalt, es ist nicht zu warm, es ist egal, was man anhat, weil man nicht darüber nachdenkt, alles fühlt sich richtig an. Vielleicht hätte ich die Hände in den Hosentaschen und würde auf einer Straßenbahnschiene langbalancieren. Und dabei von einer Seite auf die andere kippen, weil mir die Arme fehlen zum Ausgleichen. Wortlos. Und der stumme Begleiter auf dem Bürgersteig. Und wir kommen gar nicht vorwärts, obwohl ich uns die ganze Zeit gehen sehe, aber wir sind immer noch am Pappelplatz und diesem ganzen Bild wohnt eine Statik inne.

Ich sehe mich am nächsten Tag, es ist wieder hell, ich sehe mich verwirrt, weil ich nicht weiß, ob ich geträumt habe, oder ob das stattgefunden hat. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich von der Invalidenstraße nach Hause gekommen wäre und was aus meinem stummen Begleiter geworden ist. Dessen Existenz ich nicht beweisen kann, denn wir haben kein Wort ausgetauscht, nur Schwingungen, sozusagen, aber das ist wohl verrückt. Und gesehen habe ich ihn nicht, ich habe nur auf die Straßenbahngleise geguckt und auf die Bordsteinkante. Vielleicht war es das. Vielleicht deswegen diese vorherrschende Erinnerung an diese beiden Orientierungsmarken. Weil ich scheinbar ewig dort verharrt und auf die Straße geglotzt habe. Und von einer Seite auf die andere gekippelt, balanciert.

War es also Wirklichkeit oder habe ich geträumt? Ich sitze im Bus und gucke aus dem Fenster, es ist warm, eine drückende Wärme, die sich um mich legt, die mich begrabscht, von der ich aber nicht begrabscht werden möchte. Ich sitze dort und gucke aus dem Busfenster, die Straße zieht in Zeitlupe vorbei, das Fenster ist nicht sauber, sondern sehr staubig, es ist so warm und ich fühle mich nicht wohl in meinem Wollpulli. Aber es wird nicht der Pulli sein sondern die Ungewissheit. Die Erinnerung an diese kühle Nacht, an diese Szene. Und jetzt hier, die Wirklichkeit, der Tag, der Bus, die Wärme, die sich um mich legt, die ganzen Leute im Bus. Und es wackelt und dreht sich und der Bus ist laut. Ich habe meinen Tag begonnen und weiß schon nicht mehr wie, weiß nicht, wie ich aus dem Bett in den Bus gekommen bin, habe vergessen, was ich zum Frühstück gegessen habe. (Habe ich gefrühstückt?) Es hat alles seine Ordnung bei mir. Normalerweise. Alles hat seine Ordnung. Ich stehe am Morgen auf, der Wecker klingelt, ich springe aus dem Bett, gehe aufs Klo, ziehe mich aus, gehe auf die Waage, in der Zwischenzeit wird das Duschwasser warm, gehe unter die Dusche. Ich schrecke ein bisschen vor mir zurück, wenn ich mir diesen morgendlichen Ablauf vor Augen führe. Gehe unter die Dusche, dusche, bin fertig mit Duschen, wische mit dem Wischding aus Plastik die Fensterbank aus, wo das Wasser immer stehen bleibt, damit sich kein Schimmel bildet und keine Kalkflecken, die kriegt man so schlecht weg, was nicht stimmt, denn sie waren da von meinem Vormieter und ich habe sie wunderbar weggekriegt, ich mache das Fenster auf zum Lüften, damit die Fensterbank besser trocknen kann, auch gegen den Schimmel und gegen die Luftfeuchte im Allgemeinen, steige aus der Duschkabine aus auf den Duschläufer, der ein paar Zentimeter von der Duschkabine weg auf dem Boden liegt, damit er nicht nass wird von dem Duschwasser, was zwischendurch aus der Duschkabine läuft, dann könnte er vielleicht schimmeln oder etwas Anderes könnte passieren, keine Ahnung, Sicherheitsmaßnahmen ohne Grund, ich weiß es nicht. Alles erscheint mir so lächerlich. Ich hebe dann den Duschvorhang aus der Duschkabine, damit sein unteres Ende nicht im Wasser steht, sondern frei hängt zum Trocknen, weil ich mal einen alten Duschvorhang gesehen habe, der ganz verschimmelt war, weil er immer im Wasser hing, er war schwarz vor Schimmel und das wollte ich nicht, nehme mir dann das Handtuch, was ich vorher immer schon in die Nähe der Duschkabine gelegt habe auf den Klodeckel, und trockne mich ab. Ich erinnere mich nicht, ob das heute früh mein Ablauf war. Er wird organisch in mich übergegangen sein, dieser Ablauf, deswegen gehe ich davon aus, dass auch heute früh nichts anders war, ich kann mich nur nicht mehr erinnern. Ohnehin ist es schwer, sich an etwas zu erinnern, was jeden Tag in gleichem Maße und auf komplett austauschbare Art und Weise vonstatten geht.

Ich hatte die Wärme für einen kurzen Moment vergessen. Es ist auch weniger Wärme, es ist einfach stickige Luft, stickige Luft mit wenig Sauerstoff, den ich mir auch noch mit den Massen an Menschen teilen muss, die sich mit mir im Bus befinden.

Es ist unwahrscheinlich, dass es sich nicht um einen Traum gehandelt hat. Wie soll ich in der Nacht in die Invalidenstraße gekommen sein? Wer soll mein stummer Begleiter gewesen sein?

Aber dieses Gefühl, was ich habe. Nicht allein zu sein. Es hat sich konserviert, es ist ein lebendiges Gefühl, ein echtes Gefühl, eine Gewissheit. (Wahn ist definiert als eine unkorrigierbare Fehlwahrnehmung der Wirklichkeit, von der man aber überzeugt ist, die fehlerhaften Wahrnehmungen sind eine Gewissheit.) Ich fühle mich nicht allein.

Genauso, wie man den ganzen Tag von einer quälenden Last begleitet wird, wenn man irgendwann am Vormittag gemeint hat, eine Frist verschlafen oder eine Pflicht noch nicht erledigt zu haben, sich dann aber herausstellt, dass man sich geirrt hat und das Buch schon längst in der Bibliothek abgegeben und die wichtige Hausaufgabe schon erledigt ist, sich aber dieses quälende Gefühl den ganzen Tag nicht abschütteln lässt und man immer wieder meint, es gäbe noch etwas Unangenehmes zu tun, ohne dass einem einfällt was. Genauso, wie es bei einem schönen Traum sein kann, dass man den ganzen Tag über gute Laune hat, aber nicht mehr weiß warum. Es gibt keinen Grund, aber man ist gut gelaunt, es fällt einem nicht ein warum, aber man geht davon aus, es gebe schon eine Ursache, die einem nur gerade nicht einfällt.

Genauso fühle ich diese Gewissheit, die Existenz des stummen Begleiters, wo auch immer er sich gerade aufhält, aber ich fühle.

Ich komme immer wieder darauf zurück. Vor mir aufgeschlagen ein Buch, irgendein Fachbuch, Neurologie, Parkinson, ALS, Symptome, Diagnosen, vor mir dieses Buch, neben mir der leere Teller, ich habe allein in der Mensa gegessen, draußen sehe ich in der Ferne den Fernsehturm.

Der Vormittag ist vorbeigegangen, arbeitsam, geschäftig, Unterricht am Krankenbett, der gebügelte, schneeweiße Kittel und das Namensschild, Autorität und Aufgeräumtheit, guten Tag, ich bin K… und wir würden Ihnen gern ein paar Fragen stellen. Mit welchen Symptomen sind sie zu uns gekommen? Aha und wann war das? Und sie erzählen ihre Geschichte und wir hören ihnen zu. Und das war mein Vormittag. Krankenhaus, alles sauber und gerade und geometrisch. Wieso geometrisch? Ich denke in eigenartigen Begriffen; ich sehe den Krankenhausflur und das Geländer am Rand, wo sich die Patienten festhalten können, wenn sie durch den Gang laufen. Sehe das Geländer und einen alten Patienten mit dürren Beinen, der es kaum schafft, eines vor das andere zu setzen. Er kippelt den Gang entlang gemeinsam mit dem Physiotherapeuten, der ihn stützt.

Ich sehe mich den Salat essen, mit der Gabel darin rumfurchen, ein Stück Tomate aufspießen und in den Mund befördern. Das war vor 20 Minuten, ich habe mein Buch dazu gelesen über Parkinson, dazu das Stück Tomate auf der Gabel in der Luft, alles dynamisch, alles von Sinn erfüllt, mein Mittagessen in der Mensa. Jetzt steht der leere Teller dort und das Buch liegt da und ich sitze hier und starre und grübele und denke nach über diesen Traum, der sich nicht anfühlt wie einer.

Und habe das Gefühl, meine Zeit zu vertun mit diesen Gedanken. Ich könnte jetzt zu Hause sein und mir Notizen machen aus dem Neurobuch, könnte diese Notizen in mein Lernprogramm am Computer eingeben und mich das abfragen lassen. Könnte effektiv sein, effizient, die Zeit in kleine Häppchen teilen, die sich schlucken lassen, ohne daran zu ersticken, den Tag in kleine Kästchen teilen, die sich hermetisch aneinander fügen, allem einen Sinn geben, einen Inhalt.

Antriebslosigkeit. Antrieb ist die Grundaktivität des Menschen, eine hypothetisch angenommene Kraft für alle psychischen und physischen Leistungen. Ich sitze lieber hier noch.

Die Invalidenstraße ist nicht weit. Ich könnte in die Invalidenstraße gehen. Was das bringt, ist egal. Könnte zwischen Straßenbahnschiene und Bordsteinkante entlanglaufen und mich von der bimmelnden Straßenbahn von hinten überrollen lassen. Ich höre den Aufprall. Es klingt in meiner Vorstellung so, wie es klingt, wenn man mit dem Staubsauger über das Sofa saugt und dann der Sofastoff mit einem Ruck angesaugt wird, so dass man erst wieder ziehen muss, um ihn abzukriegen. (Meine Mutter würde mich darauf hinweisen, dass man nicht mit einer höheren als der niedrigsten Stufe des Staubsaugers das Sofa saugt. Und am besten man schneidet mit einer Rasierklinge die Sofabezüge auf und zieht sie ab, bürstet sie mit der Zahnbürste aus und näht sie dann mit Nadel und einem Faden in der Sofafarbe wieder um die Polsterfüllungen herum. Nur so gelangt das Sofa zu vollendeter Sauberkeit.)

Warum nicht in die Invalidenstraße gehen.

Der Tag ist warm, immer noch warm, den Pulli habe ich inzwischen ausgezogen, jetzt habe ich nur ein T-Shirt an, das zu kurz ist und nicht ganz den Bauch bedeckt, so dass eine kleine Speckrolle zwischen T-Shirt-Ende und Hosenbund nach vorn quillt und mich stört, zumal mein Bauch um die Bauchnabelgegend ein paar Haare hat, die mich gerade stören, also zottele ich das T-Shirt nach unten ohne Erfolg, also ziehe ich den Wollpullover wieder über und ersticke fast in diesem warmen, wollenen Fuselmeer. Eher eine Fuselwüste, denn alles ist trocken und. Asphyxier. Andere Sprachen haben bessere Worte für bestimmte Dinge.

Das Bettenhochhaus, ältere Männer mit dickem Bauch und ihre Frauen, die Ende 40 bis Mitte 50 sind (so alt wie ihre Männer, nur dass die älter aussehen) und ihre Haare färben. Sie arbeiten im Bürgerbüro oder ähnlichem und unterhalten sich mit ihren Kolleginnen über die Figur oder werden von ihren Kolleginnen gemobbt. Sie trinken Joghurtdrinks mit 0,1 % Fett und kaufen Süßigkeiten im Restpostenmarkt, die sie dann auf ihrem Schreibtisch liegen haben und essen. Zum Beispiel Gummitierchen in der Form von Turnschuhen. Sie haben den Kühlschrank voll mit überlagerten Lebensmitteln aus dem Restpostenmarkt und kaufen immer noch ein für eine fünfköpfige Familie, obwohl die drei Söhne inzwischen ausgezogen sind und der Mann, weil er öfter betrunken ist, in der Wohnung unterm Dach wohnt. Sie besuchen ihn in der Charité, dieser großen, wichtigen Klinik, weil er irgendeine Krankheit hat und dort liegen muss, sie gehen mit ihm vor dem Bettenhochhaus spazieren und unterhalten sich über langweilige Alltagsdinge oder regen sich über das Essen im Krankenhaus auf. Der Mann redet nicht viel, weil er aus einer Generation kommt, in der Männer wenig geredet haben, vor allem nicht über ihre Gefühle, und er hat einen hochroten Kopf und nur wenig Haare.

Das Bettenhochhaus. Die Invalidenstraße. Jetzt noch ein langes Stück, die Invalidenstraße ist lang, Pappelplatz, fast bis zum Weinbergspark. Vorbei an meinem Lieblingscafé, am Nordbahnhof, an der Baustelle, wo ein Künstler Kunst gemacht hat und wo das Wasser immer steht, wenn es geregnet hat. Gartenstraße, wo E…s Exfreund gewohnt hat und wenn ich an dieser Kreuzung Invalidenstraße/Gartenstraße vorbeikomme, denke ich daran, wie E… und ihr Exfreund Sex haben. Ich stelle es mir nicht bildlich vor, aber ich sehe dieses eine Haus an und denke mir E… und ihr Exfreund Sex. (Ich weiß nicht, in welchem Haus er gewohnt hat.) Jetzt wohnt er nicht mehr dort, sondern in Harvard oder so was und das wundert mich gar nicht.

Das Bergstübl, immer noch dasselbe Schild, wie auch in der Veteranenstraße über dem Bergstübl hing. Als ich in der Veteranenstraße war, kurz bevor das Bergstübl umgezogen ist, habe ich gesehen, wie sie das Schild abgebaut haben. Ich dachte, das sei keine schlechte Idee, dem Bergstübl ein neues Schild zu geben. Aber sie haben es abgebaut, um es in der Invalidenstraße wieder an die Wand zu schrauben. Invalidenstraße, Veteranenstraße. Habe ich vorher mal darüber nachgedacht, wonach diese Straßen benannt wurden?

Der Pappelplatz. Hell, Frühlingssonne, die durch die Blätter der jungen Bäume fällt, die Bushaltestelle, eine Frau mit einer Plastiktüte, die sie vor sich hält, sie wartet auf die Straßenbahn und guckt in die Richtung, aus der sie kommen wird. Ich überquere die Straße, überquere ein Straßenbahngleis, Mitte der Straße, noch ein Straßenbahngleis, es sieht anders aus als in meiner Vorstellung, ist irgendwie ziemlich im Asphalt versunken, so dass ich mich frage, wie ich darauf balancieren konnte. Die Bordsteinkante. Dazwischen ein Geldstück, ein silbernes Geldstück, ich bücke mich und hebe es auf. Es ist leicht, wie Spielgeld. Es ist Spielgeld. Weiterhin Blick auf die Spielgeldmünze, auf den Bürgersteig, an der Frau vorbei in das Wartehäuschen und ich setze mich hin. Hier zu sein löst nichts in mir aus. Licht und Menschen und diese Wärme, dieser kratzende Pullover. Asphyxier. Und es löst nichts aus. Bin ich enttäuscht? Hatte ich etwas erwartet? Jetzt müsste gleich die Straßenbahn kommen und ich sehe sie auch schon kommen und die Frau einsteigen, aber sie kommt nicht und die Frau steht immer noch da. Nein, ich bin nicht enttäuscht, ich hatte nichts erwartet, ich bin einfach leer. Ich gucke in die Gegend, es ist weiterhin hell und warm, ich höre Straßenbahngeräusche und frage mich, ob ich das Straßenbahngeräusch erkennen würde, wenn sie es im Radio bringen würden bei dieser Sendung, wo sie Geräusche abspielen, die man dann erraten muss. Die Straßenbahn hält, die Frau mit der Tüte steigt ein, eine andere Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand steigt aus und das Mädchen zeigt irgendwo hin mit dem Finger. Und hinten aus der Straßenbahn steigt jemand aus, der vielleicht im weiteren Verlauf der Dinge eine entscheidende Rolle spielen wird. Ich stelle mir vor, wie er zur Bushaltestelle gelaufen kommt, sich vor mir hinstellt und mir aus den Innenseiten seines Mantels ein Repertoire an Süßigkeiten vorführt, wie man sie nirgendwo im Handel üblicherweise erwerben kann. Ich würde mit meinem Spielgeld von ihm eine Tüte weiß-rote Gummitierchen kaufen. Er steckt sich im Laufen eine Zigarette an und läuft in die Straße, in der ich mal gewohnt habe.

Ich sitze im Wartehäuschen und nichts ist passiert. Ich fühle mich betrogen. Ich kann nicht aufstehen. Ich bin leer, mir ist warm. Ich denke an letzte Nacht, als es kurz vor Mitternacht an der Tür geklingelt hat. Was mich normalerweise sehr beunruhigt hätte, aber ich war mir sofort sicher, dass es etwas damit zu tun haben musste, dass ich noch dabei war Gitarre zu spielen. Ich überlegte kurz, ob es sinnvoll wäre, nicht zur Tür zu gehen und das Gitarrespielen abzubrechen, aber ich ging zur Tür und da war eine Frau mit rot gefärbten Haaren, die mich fragte, warum man so spät in der Nacht noch Gitarre spielen müsse und dass das schon die Nacht zuvor unerträglich gewesen sei und ich das bitte unterlassen solle. Ich entschuldigte mich gut erzogen und unterwürfig mit der Beteuerung, es nie wieder vorkommen zu lassen. Sie war plötzlich auch überbordend freundlich und dann war sie weg. Und als ich meine Gitarre wegpackte, merkte ich langsam die Wut in mir aufsteigen und den Impuls, irgendetwas möglichst geräuschvoll und splitternd zu zerstören. Jetzt, im Wartehäuschen, als mir das durch den Kopf geht, denke ich an das Theaterstück, das ich neulich gesehen habe. In dem diese zwei Ehepaare sich treffen, um gesittet über die Prügelei ihrer beiden Söhne zu reden, bei der ein Sohn dem anderen einen Zahn ausgeschlagen hat. Und was anfangs von guten Manieren und Höflichkeitsregeln in Zaum gehalten wird, eskaliert im Laufe des Nachmittags, bis unverschleiert zutage tritt, wie unausstehlich sich diese Menschen in Wahrheit finden, sowohl die Paare gegenseitig, als auch die Ehepartner untereinander. Daran denke ich, während ich im Wartehäuschen sitze, und klopfe mir innerlich selbst auf die Schulter, wie gebildet ich bin, dass ich Parallelen ziehen kann zwischen Situationen aus meinem Alltag und schlauen Theaterstücken, die ich gesehen habe.

Ein bisschen fühle ich mich wie in einem Film, wie in einem dieser Filme, wo nicht viel passiert und die Kamera die ganze Zeit wackelt und dann wird ein Mädchen im Wartehäuschen gefilmt, wie es da sitzt und mit den Beinen wackelt und dann kommt ein Close-up, das ihr Gesicht zeigt und eine Strähne, die in der Stirn hängt, die dann von einem Windhauch etwas nach oben geweht wird und im nächsten Moment wieder runterfällt. Dann wieder die Totale, das Wartehäuschen und der Pappelplatz, menschenleer. Mir ist nach einem Kaffee zumute, getragen von dieser Stimmung. Einem schwarzen Kaffee, das erscheint mir angemessen.

Es gibt dieses Café fast am Rosenthaler Platz, das ich schon gesehen habe, als ich in dieser Gegend meine letzte Wohnung gesucht und gefunden habe. Ich hab das Café gesehen und mich gefreut, so ein schönes kleines siffiges Café in der Nähe zu haben, und sah mich schon jeden Sonntag dort mit meiner Zeitung sitzen und Kaffee trinken und großstädtisch sein. Lange habe ich in der alten Wohnung nicht gewohnt, nur 7 Monate, aber trotzdem 7 Monate, in denen ich es nicht ein einziges Mal geschafft habe, in das kleine Café zu gehen. Ein kleines Café, das aus einem Raum besteht mit Theke, mit einem Tisch direkt zum Fenster raus, so dass man den Weinbergspark und die Rosenthaler Straße beobachten kann.

Ich laufe los Richtung Rosenthaler Straße.

Ein schwarzer Kaffee, der mir der Situation angemessen erscheint, ich trinke nie schwarzen Kaffee. Keinen Kaffee ohne Zucker, geschweige denn ohne Milch, aber er wird sich schon runterkriegen lassen.

Ich bin angekommen, betrete das Café, das ich in 7 Monaten Mitte nie betreten habe. Aber genauso, wie sie mir das Bergstübl vor die Haustür gepflanzt haben, als ich schon nicht mehr dort wohnte, gehe ich jetzt, da ich in Moabit wohne, in dieses Café.

Hinter der Theke der Bartyp macht die Gesten, die man so macht hinter einer Theke. Er wischt mit einem weißen Geschirrtuch Gläser aus, die er dann ins Regal stellt, er macht den Eindruck, als fühle er sich belästigt, als hätte man keinen Sinn für diese coole Tätigkeit, die er hier als cooler Bartyp in einem siffigen Café in Mitte so ausführt, Gläser auswischen und ins Regal stellen und dabei arrogant gucken. Dann verkrampft er aber doch sein Gesicht zu einem etwas freundlicheren Gesichtsausdruck und bereitet meinen Kaffee zu an einer Kaffeemaschine, die so aussieht, als hätte man sie extra so schrottig gekauft, alles Andere hätte hier nicht hergepasst und eine Vorrichtung zum Milchaufschäumen gibt es wahrscheinlich ohnehin nicht. Also Kaffee schwarz. (Junge Menschen, die viel rauchen, die sehr dünn sind, weil sie das Essen vergessen zwischen ihren ganzen philosophischen, immer leicht nihilistischen Ideen, die sie haben, und die sie, wenn sie in siffigen Altbauwohnungen, in denen kaum Möbel stehen, sitzen, mit anderen jungen, dünnen Menschen austauschen, kommen hierher. Diese jungen, ausgezehrten Menschen kommen in Cafés wie diese und trinken schwarzen Kaffee, der nur einen weiteren Beitrag leistet zu ihrem langen, schleichenden Suizid. Junge Menschen wie diese treffe ich seltsamerweise nie im Krankenhaus.)

Mein schwarzer Kaffee also, den ich zum Tisch am Fenster trage und abstelle, um mich umständlich auf einen der beiden Barhocker zu hieven und dabei bescheuert auszusehen, aber es ist sonst niemand hier, der Bartyp wischt wieder Gläser aus und es ist ohnehin egal. Ich komme mir vor wie eine 14jährige, die sich bei H&M ein Kleidungsstück von der Art gekauft hat, wie sie ihre Mutter ihr verboten hat (was auch immer das für ein Kleidungsstück sein soll), weil sie ungesund oder unzüchtig oder so was sind, und die mit diesem Kleidungsstück bekleidet am Rand einer Party steht, verlegen, und an sich herumzupft, weil sie sich in dieser neuen, aufbegehrenden Identität noch nicht heimisch fühlt. Ich fühle mich weiterhin wie in diesem Film, aber auch noch nicht ganz heimisch dabei.

Ich sehe den Weinbergspark und die Rosenthaler Straße. Eine Straßenbahn fährt vorbei, Menschen laufen eilig vorbei, gerade eine Frau in einer Jacke mit schauerlichem 80er-Jahre-Muster. Ich hätte hier immer Sonntags sitzen können und Zeitung lesen oder einfach Menschen beobachten. Ich hätte ein paar Leute kennen lernen können. Ich hätte mich mit dem Bartypen anfreunden können.

Der Kaffee sieht wirklich sehr schwarz aus. Er riecht gut nach Kaffee, aber mir ist schon leicht schlecht, bevor ich den ersten Schluck getrunken habe. So schlimm ist es dann aber letztendlich nicht. Er schmeckt ziemlich bitter und leicht säuerlich, irgendwie aber erträglich. Kein Genuss, aber keine allzu große Qual.

Hinter mir quetscht sich jemand zwischen mir und der Theke lang zu dem zweiten Barhocker, der in der Ecke neben mir steht. Ein Typ mit einer Tasse Kaffee und einer Zeitung, hektisch irgendwie, und ruckartig, in der einen Hand seine Tasse und die Zeitung, mit der anderen Hand seine Umhängetasche zwischen mir und der Theke durchquetschend. Er stellt die Tasse auf den Tisch, legt die Zeitung daneben, kramt in seiner Tasche rum und fördert ein Paket Tabak zutage, das er auch auf den Tisch legt, dann sucht er weiter und kramt, hört damit auf, legt die Tasche auf den Boden und setzt sich auf den Hocker. Er sitzt.

Mein Herz bleibt langsam stehen, hört für einen kurzen Moment auf zu schlagen. Jemand ist da jetzt in meiner Stille, an meinem meditativen Nachmittag, jemand sitzt in unmittelbarer Nähe zu mir und ich fühle mich beobachtet, habe tatsächlich das Gefühl, dass er mich anguckt. Vielleicht durchschaut er die Fassade, sieht, dass ich hier nicht hergehöre, dass ich normalerweise den Kaffee nicht schwarz trinke. Aber was für ein sinnloses Gerede über den Kaffee.

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