Es sind immer Entschuldigungen. Entschuldigungen, um sich rauszureden, um sich frei zu sprechen, um nicht schuld zu sein.
Meine Freundinnen sind weg und ich stehe am Fenster. Und weiß, dass etwas nicht wieder gutzumachen ist. Möchte mich für etwas entschuldigen, das ich falsch gemacht habe. Möchte es loswerden, von mir abschütteln, aus mir rausreißen und abtöten. Dieses Indiz. Dieses Symptom.
Wir tun Dinge und meinen sie nicht so. Wir sagen Dinge und denken sie anders. Aber dahinter steckt unsere ganze Geschichte. Die uns dazu bringt, Dinge zu tun und zu sagen, die nicht gut sind für uns oder für den Anderen. Aber es kommt mir vor, als wären wir Marionetten in einem Puppenspiel. Unsere Vergangenheit ist der Puppenspieler und hält die Fäden in der Hand und lässt uns gewaltsam tanzen und springen.
Unsere Gesichter sind zu grinsenden Grimassen gemalt, unsere Mundwinkel reichen bis zu den Ohren. Wir grinsen und tanzen und es spielt laute Musik. Unsere Gesichter sind in kräftigen Farben gemalt. Dahinter implodiert unser Kopf vor Erschöpfung und Wut und Verzweiflung darüber, dass wir nichts ändern können. Wir schauen uns selbst auf der Bühne zu, wie wir ein Schauspiel vollführen, mit dem wir nichts zu tun haben wollen. Laute Jahrmarktmusik pulsiert und hämmert im Hintergrund, im Vordergrund schlagen wir uns mit Hämmern die grinsenden Köpfe ein. Mit kleinen hölzernen Spielzeughämmern zertrümmern wir uns die bunten Grimassen und schauen uns selbst bei diesem grotesken Schauspiel zu. Über der Bühne führen die Fäden ins schwarze Nichts. Unser Vergangenheit zerstört uns von oben, das Drehbuch ist geschrieben, es spielt der letzte Akt. Aus den türkisfarben gemalten Engelsaugen schaue ich der anderen Puppe ins Gesicht. Unter all dem Rucken und Zucken und Hämmern entdecke ich lackiertes Holz und Farbe, die dabei ist abzublättern. Ebenso türkisfarben, ebenso starr und unbeweglich glotzen diese Augen ins Leere. Und zucken und rucken hoch und runter. Dahinter bist du. Der Andere. Den ich nicht erkenne. Dem ich dabei bin, den Kopf zu zerspalten mit dem Hammer, der dabei ist, mir gewaltsam an meinem gelben Wams zu zerren und meine Spielfäden zu verheddern und zu zerknoten. Und die Musik dröhnt und ich schreie in meinem kleinen, lackierten Holzkopf, ohne dass es laut genug wäre, überhaupt meinen eigenen Leib zu verlassen, geschweige denn die immer lauter dröhnende Musik zu übertönen. Und der Puppenspieler lacht hämisch aus der Ferne und zerrt gewaltsam an den Fäden und führt uns in unsere sichere Vernichtung. Wie sind wir hier hergekommen? Wir konnte all das passieren? Wie können gerade wir uns in diesem monströsen Finale gegenüberstehen? Es ist zu spät.
Das Telefon klingelt ein paar mal und ich würde mich nicht wundern, wenn du nicht rangehst. Es kann sein, dass du schläfst, schließlich ist es schon spät, du hast morgen etwas Wichtiges zu tun und musst ausgeschlafen sein. Ich klingele dich trotzdem aus dem Bett. Aus der Verzweiflung heraus und dem Egoismus, der solchen Momenten innewohnt.
Du meldest dich und bist ganz verschlafen, du sagst hallo und ich weiß nicht, ob du geguckt hast, wer dich anruft, ob du fragend oder abweisend oder vorwurfsvoll klingst. Nichts Verwertbares steckt in diesem trockenen, halb erstickten Hallo.
Du fragst mich, warum ich auf dem Handy anrufe, es sei doch teuer. Ich sage, dass ich deine WG nicht wecken möchte. Ich sage, dass es mir leid tut. Es tut mir so leid. Und weiß, dass es nicht wieder gutzumachen ist. Möchte mich für etwas entschuldigen, das ich falsch gemacht habe. Möchte es loswerden, von mir abschütteln, aus mir rausreißen und abtöten.
Du sagst nur, dass es mir nicht mehr leid tun wird, wenn ich lese, was du mir geschrieben hast.
Eine haselnussgroße Kugel entsteht in meiner Kehle und hindert mich daran zu atmen oder zu schlucken. Ersticken werde ich an der Vorahnung dessen, was ich gleich zu lesen bekomme.
Eine haselnussgroße Kugel hindert mich am Atmen und am liebsten wäre es mir, ich würde hier und auf der Stelle ersticken, dann bräuchte ich mich nicht mit dem auseinanderzusetzen, was jetzt kommt. Ich habe aufgelegt und gesagt, dass ich dich gleich zurückrufe, wenn ich gelesen habe, was du mir geschrieben hast. Wenn ich alles gelesen habe und mich nicht mehr dafür werde entschuldigen wollen, was ich falsch gemacht habe. Weil eine wichtigere, größere, schrecklichere Wirklichkeit über mich hereingebrochen sein wird.
Du hast mir aus dem Zug geschrieben, als du auf dem Weg von mir zu dir nach Hause warst. A… war etwas rausgerutscht, was dich sehr verletzt hat, deswegen bist du nach Hause gefahren, obwohl du ursprünglich vorhattest, die Nacht bei mir zu verbringen.
Es gibt eine Feier diese Woche, auf die ich dich nicht eingeladen habe, obwohl alle anderen ihre Freunde und Freundinnen mitbringen, manche sogar ihre Eltern. A… hat dich beiläufig und wie selbstverständlich gefragt, ob du auch da sein wirst. Ich habe dich nicht gefragt, ob du mich begleiten möchtest, und das Schlimmste daran ist, dass ich dir nicht mal sagen kann, warum das so ist. Du fragst mich danach. Du hast im Zug gesessen und dich verzweifelt gefragt, warum ich dich nicht dabei haben möchte, und du hast angefangen, mir diese Mail zu schreiben. Du kannst es nicht verstehen und es ist für dich ein Symptom für diese letzten Wochen, ein Symptom für uns und unser Nicht-Funktionieren. Es ist für dich ein Zeichen dafür, dass ich dich in meinem Leben nicht dabei haben möchte. Und wenn ich versuche nachzudenken, warum ich dich nicht gefragt habe, geht es mir wie dir. Ich wäre mir sicher gewesen, du hättest nicht mitkommen wollen, ich wäre mir sicher gewesen, die Veranstaltung wäre dir zu mondän und überdreht. Ich hätte keine Lust darauf gehabt, dass du wieder erst ankommst, wenn der offizielle Teil vorbei geht und das Essen und Alkoholtrinken anfängt. Ich hätte Lust darauf gehabt, dass du an meinem Leben teilnimmst, aber war mir sicher, dass du darauf keine Lust hattest.
Eigentlich habe ich aber einfach nicht darüber nachgedacht, ob ich dich einlade. Letztendlich bin ich überrascht, dass alle daran gedacht haben, jemanden mitzubringen. Mal wieder habe ich die Vorbereitungs-Emails nicht gelesen, in denen gestanden haben wird, dass wir eine Begleitpersonen mitbringen dürfen. So kam es gar nicht erst zu diesem Abwägen, an dessen Ende gestanden hätte, dass ich dich nicht frage, ob du mitkommst. Letztendlich läuft es auf das Gleiche raus, du wirst nicht da sein am Dienstag, alle werden ihre Partner mitbringen und mit ihnen auf der Tanzfläche stehen und rummachen, oder mit ihnen und anderen Pärchen auf Sitzgruppen zusammen sitzen und ihnen vom Büffet Häppchen mitbringen, weil sie wissen, was ihr Schatz gern hat. Sie werden am Büffet in dem kunstvoll aufgeschichteten Turm aus Käsespießen und Weintrauben herumgrabschen, weil sie wissen, dass ihr Schatz gegen Gouda allergisch ist und gern Butterkäse isst, weil sie wissen, dass er weiße Weintrauben lieber hat als rote, weil ihm bei den roten die Kerne zwischen den Zähnen hängen bleiben und er das nicht leiden kann. Ich werde daneben stehen und unästhetisch an einem Putenspieß nagen, aber es wird egal sein, weil niemand im Raum mir Beachtung schenkt, denn ich habe es verpasst, den Menschen einzuladen, den ich eigentlich am liebsten dabei hätte.
Ich stelle mir vor, wie ich von allen Käseplatten die Oliven einsammle, denn ich weiß, du liebst Oliven. Ich gucke nach links und rechts und sammele sie alle ein, um sie mit nach draußen zu nehmen, wo du eine Hollywoodschaukel gefunden hast für uns beide, weil dir der Rummel drin zu viel ist und die Leute zu anstrengend. Wir sitzen auf der Hollywoodschaukel, die Sitzkissen sind schon etwas klamm, denn die Nacht bricht langsam heran und es wird kühler, aber ich kann mich an dich schmiegen und du legst den Arm um mich und fütterst mich mit Oliven, denn du weißt, dass auch ich sie gern mag.
Eine haselnussgroße Kugel hindert mich am Atmen und es ist mir, als müsste ich ersticken. Mein Hals zieht sich zusammen und verkrampft und der Schmerz zieht bis hoch in den Kopf, wo es mir vorkommt, als müssten meine Augen jeden Moment aus ihren Höhlen platzen. Sie werden heiß und fangen an zu zucken, ich kneife die Lider zusammen und nun bricht etwas aus mir heraus. Die Kugel in meinem Hals löst sich mit einem gurgelnden, glucksenden Seufzen und heiße Tränen fangen an, mir über die Wangen zu rinnen. Tausend Bilder fliegen durch meinen Kopf; du in der S-Bahn, Tränen überströmt, wie du kaum den Computerbildschirm erkennen kannst; wir beide in der Hollywoodschaukel; du mit einem Buch auf einer Bank auf einem Bahnsteig, auf dem ich viel zu spät ankomme, nachdem ich dich fast versetzt hätte; wir an einem Strand, auf einer Decke, du fotografierst mich, ich lächele, ich habe ein weißes Oberteil an mit schwarzen Punkten und bin glücklich; du in meinem Wohnzimmer, fassungslos, mit aller Kraft bemüht, deine Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen, nachdem A… dich gefragt hast, ob du am Dienstag auch mit auf die Feier kommst. Tausend Bilder und Gesprächsfetzen und heiße Tränen auf meinen Wangen und ein Glucksen und Seufzen, das nicht mehr aufhören will, die ganze Welt verschwindet hinter einem dichten Schleier aus Tränen und Verzweiflung.
weg
Wir sitzen in einem Zug an die Ostsee, einem Regionalexpress, sitzen nebeneinander und fahren rückwärts. Niemand sagt ein Wort, beide sind wir unheimlich erschöpft. Erschöpft und müde, aber all das ist kein Ausdruck für unseren Zustand. Wir haben alles hinter uns gelassen, haben nur nichts mitgenommen, , haben uns nicht verabschiedet, sind einfach geflohen vor denen, die uns kennen, vor uns selbst, vor der Stadt, vor der gewohnten Umgebung und vor unserer Geschichte, die uns überall umgeben und verfolgt hat, bei jedem Schritt, bei jedem Wort, die drohte, uns zu ersticken, die sich so eng und bedrohlich um uns geschlossen hat, dass wir nach und nach anfingen, uns gegenseitig anzugreifen und langsam zu zerstören.
Wir reden nicht miteinander, es ist ungewiss, ob wir das jemals wieder unvoreingenommen können.
Du sitzt am Fenster, ich am Gang, du hast den rauen Wollpulli an, den ich gut kenne, weil ich ihn oft anhatte, wenn mir in deiner Wohnung kalt war. Wir gucken aus dem Fenster, an uns rauscht die Landschaft vorbei, flache Landschaft, Felder und Bäume, und am Horizont geht die Sonne unter. Das monotone Zuggeräusch, ein Rauschen und Rattern, die vorbeiziehende Landschaft. Ich bin unheimlich müde und sehe den Rapsfeldern zu, wie sie verschwinden und wieder auftauchen. Ein Rauschen und Rattern und mir fallen die Augen zu.
Als ich wieder aufwache, fühle ich den rauen Pulli an meiner Wange, mein Kopf muss im Halbschlaf auf deine Schulter gerutscht sein und jetzt ruht er da und ich bin zu schwach und zu schläfrig, um mich dagegen zu wehren. Du schläfst auch und draußen ist die Sonne untergegangen, man kann von der Landschaft kaum noch etwas erkennen. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist oder wo wir inzwischen sind.