Wir haben irgendwann angefangen, uns das anzugewöhnen. Wenn wir lernen, gibt es Grießbrei und Erdnussflips.
Ich sitze in meiner Wohnung und lerne oder lenke mich damit ab, im Internet rumzuhängen, zu schlafen, aufzuräumen oder mir seltsame Dinge zu kochen zu Uhrzeiten, zu denen man normalerweise nicht isst. Der Fußboden ist übersäht mit Büchern und Heftern und Zetteln mit Notizen. Der unwissende Beobachter würde meinen, hier wohnt jemand, der fleißig ist und viel weiß und gute Noten schreibt. Vielleicht hat er auch Recht. Ich selbst jedenfalls bekomme dieses Gefühl nicht, wenn ich einen Blick auf die Bücher werfe. Ein Blick auf den dicken Benninghoff reicht mir schon, um zu wissen, dass nie das Stadium erreicht sein wird, in dem mir nicht doch noch irgendeine Frage gestellt werden könnte, die ich nicht beantworten kann. Aus den Seiten des Buches gucken bunte Postits, die ich irgendeiner später nicht mehr nachvollziehbaren Logik folgend irgendwann da reingeklebt habe. Wenn ich im Präpsaal andere Leute sehe mit ihren dicken Büchern und ihren bunten Postits, kommen sie mir so geordnet und organisiert vor. Wenn man ihnen eine Frage stellt, wissen sie genau, welches Postit sie aufsuchen müssen, um an genau die richtige Stelle im Buch zu gelangen. Sie wissen dann meistens schon die halbe Formulierung auswendig oder zumindest finden sie sofort, was sie suchen, weil sie schon wissen, ob es auf der Seite weiter oben oder weiter unten steht. Diese Leute faszinieren und deprimieren mich und meine Postits sind der Versuch, auch organisiert zu sein, aber ich scheitere jedes Semester aufs Neue. Manchmal habe ich das Gefühl, ich verbringe mehr Zeit damit, Ordnung und Systematik in mein Lernen zu bringen, als mit dem eigentlichen Lernen. Menschen mit Zwangserkrankungen haben bestimmte Rituale, die sie in immer derselben Abfolge ausüben. Unterläuft ihnen dabei ein Fehler, müssen sie noch mal von vorn anfangen, was dann sehr viel Kraft und vor allem Zeit kosten kann. Ein bisschen komme ich mir manchmal so vor. Manchmal fange noch mal von vorn an, ein Thema zu lernen, weil mir mein System nicht gepasst hat und ich eine neue Ordnung erfinde, die ich dann konsequent durchziehen möchte. Das hat den Vorteil, dass ich mir bestimmte Dinge dadurch merke. Das hat den Nachteil, dass ich bei bestimmten anderen Dingen niemals ankomme.
Ich sitze am Schreibtisch und lerne oder hänge im Internet rum oder räume die Küche auf, weil ich das ganz besonders gerne tue. Manchmal habe ich den Drang, in die Sauna zu gehen, die aber sehr weit weg ist, also kaufe ich mir ein Erkältungsbad, nehme eine lange Dusche (weil ich keine Badewanne habe) und stelle mir dabei vor, ich wäre in der Sauna und der ätherische Duft nach Latschenkiefer käme daher. Oder noch besser: Ich schlafe. Ich liege angezogen im Bett unter der dicken Federdecke und weiß eigentlich schon vorher, dass mir hinterher kalt sein wird, wenn ich wieder aufstehen muss, was dann die Zeit, die ich im Bett verbringe, noch mal erheblich in die Länge ziehen kann, weil die Motivation, jemals wieder aufzustehen, dadurch noch weiter sinkt. Je näher die Prüfung rückt, desto öfter und länger schlafe ich tagsüber. Wohin auch immer die Kraftreserven in diesen Zeiten verdunsten, kann es vorkommen, dass ich tagsüber am Schreibtisch sitze und tatsächlich das Gefühl habe, ich müsste einschlafen, wenn ich mich nicht sofort hinlege. Also lege ich mich hin, es ist zu hell und manchmal auch zu laut, um zu schlafen, aber ich schließe die Augen und döse vor mich hin. Manchmal gerate ich in eine Art Halbschlaf und tausende Gedanken an die bevorstehenden Prüfungen fliegen mir durch den Kopf. Ich denke an die vielen Bücher, die ich nie werde lesen können, an die Vorlesungen, die ich nicht besucht habe, an all die Fragen, die ich nie werde beantworten können. Dann erwache ich mit rasend schnell pochendem Herzen und kann keine weitere Sekunde liegen bleiben, sondern muss mich auf der Stelle wieder an den Schreibtisch setzen und weiter lernen.
Oder es gelingt mir manchmal auch, eine halbe Stunde zu schlafen und vom Wecker geweckt zu werden. Dann stehe ich auf und verspüre plötzlich einen großen Appetit auf etwas Süßes. Ich durchstöbere die Küche, esse dann Müsli oder – im besten Fall – Schokolade, die noch da war. Oder ich versuche, nicht mehr daran zu denken. Oder ich ziehe mich an und gehe über die Straße zum Supermarkt, wo ich mir Unmengen von Süßigkeiten kaufe, die ich später in viel zu kurzer Zeit aufesse, woraufhin mir schlecht sein wird und ich schlechte Laune bekomme, was für das Lernen keine unbedingt günstige Voraussetzung ist.
Ich stelle mir vor, dass ich eine seltene Tierart bin, die für ihre verschrobenen und vollkommen irrationalen Verhaltensweisen bekannt ist, und wie mich ein Tierforscher in meiner Wohnung vom gegenüberliegenden Haus aus mit einem Fernglas beobachtet. Er könnte mich dabei beobachten, wie ich am Morgen ewig nicht aus dem Bett komme, wie ich den ganzen Tag nicht den Schlafanzug anbehalte, wie ich am Schreibtisch esse und vom Lernen ab und an aufstehe, um sinnlos durch das Zimmer zu schlurfen und mich dann wieder unmotiviert hinzusetzen.
Allein lernen funktioniert irgendwie, aber nicht wirklich gut. Deswegen haben M… und ich irgendwann angefangen, gemeinsam zu lernen. Er holt mich mit seinem Auto ab und meine Stimmung hebt sich sofort. Allein schon, statt zu lernen mit dem Auto durch die Gegend zu fahren und Jazz zu hören. Und weil er in seiner Wohnung so gut wie nie über irgendwelche Nahrungsvorräte verfügt, fahren wir zuerst gemeinsam einkaufen. Grieß, Milch und Erdnussflips. Wir könnten uns vornehmen, etwas Anderes zu kaufen und mal was Neues auszuprobieren. Spätestens im Supermarkt würden wir wahrscheinlich wieder bei Grießbrei und Erdnussflips landen. Es tut auch so gut, sich in der richtigen Welt aufzuhalten, anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie ihre Wocheneinkäufe tätigen, wie sie von Einkaufszetteln ablesen, was sie vielleicht am Abend brauchen werden für das Rezept, das sie ausprobieren wollen. Wie Mütter für ihre Kinder sinnlose Nahrungsmittel kaufen müssen, die in der Fernsehwerbung kamen. Wie Menschen Katzenfutter kaufen und dann guckt man, ob sie das teure nehmen oder das von der Hausmarke und dann stellt man sich vor, ob sie eher der Typ sind, der ab und zu mal für die Katze einen Napf vor die Tür stellt, oder ob die Katze bei ihnen ein eigenständiges Familienmitglied darstellt, für das natürlich nur das Beste gekauft werden kann. Und während wir durch die Gänge laufen und ich Leute beobachte, muss ich für kurze Augenblicke gar nicht an die Prüfung denken.
Bei M… zu Hause angekommen müssen wir zuerst den Grießbrei kochen, weil sich die Vorfreude auf der Autofahrt ins Unermessliche gesteigert hat, so dass wir uns nicht auf das Lernen konzentrieren könnten, wenn wir ohne den Grießbrei damit anfingen. Also sitzen wir am Esstisch und genießen unseren Grießbrei und reden über alles Mögliche, nur nicht über Anatomie oder Physiologie, und es tut so gut, sich gegenseitig eine Rechtfertigung zu geben dafür, nicht lernen zu müssen. Ich komme von meinen Zwangsgedanken runter und in mir macht sich immer stärker der Eindruck breit, doch schon eine ganze Menge gelernt zu haben und schon ziemlich viele Fragen beantworten zu können. Das ist nicht unbedingt logisch, oder vielleicht doch, auf jeden Fall geht es mir gut.
Später am Nachmittag fragen wir uns gegenseitig ab und erzählen uns, was wir schon wissen, vielleicht gehen wir eine Runde um den Block spazieren dabei. Vielleicht kommen wir bei der Videothek vorbei und leihen uns einen Film aus. Dann legen wir bei ihm zu Hause noch einen Lernmarathon hin bis weiter nach Mitternacht und gucken danach noch den Film. Zwischendurch haben wir uns eine Pizza liefern lassen oder waren noch mal einkaufen und M… hat gekocht, was er leidenschaftlich gern und nach eigener Aussage auch ziemlich professionell tut, ich finde es immer gut, ich war da noch nie besonders anspruchsvoll. Zum Film können wir die zweite Hälfte der Erdnussflips essen, nachdem uns vorhin nach der ersten Hälfte der Tüte schlecht geworden ist. Vielleicht kam es überhaupt nur deswegen zu dem Spaziergang um den Block.
Irgendwann ist es mitten in der Nacht und zu spät für mich, noch nach Hause zu fahren, also schlafen wir gemeinsam in seinem großen, breiten Bett, wo wir nie auf die Idee kommen würden, irgendwas anderes zu tun, als nebeneinander zu liegen und sofort einzuschlafen.